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Release 26. March 2026
(Label: Solo Musica)
TEXT: Stefan Pieper
Albena Petrovic – Escapes
Die luxemburgische Komponistin schickt zwei Pianisten auf Erkundungsreise durch eine Klangwelt, die mit wenig auskommt und doch ungeheuer viel erzählt.
Es beginnt mit fast nichts. Zwei Terzschläge, der zweite verwischt zum Cluster. Pochend, motorisch, dabei merkwürdig offen. Eine Viertelstunde lang entfaltet sich das eröffnende „Concerto for Two Pianos" aus dieser winzigen Keimzelle – und man begreift: Hier geht es nicht um Materialschlacht, sondern um die Kunst, aus dem Wenigen das Maximale herauszuholen. Expansiver Reduktivismus, wenn man so will.
Albena Petrovic, gebürtige Bulgarin, seit den Neunzigerjahren in Luxemburg zu Hause, hat über 600 Werke geschrieben, darunter neun Opern. Beeindruckende Zahlen – die allerdings wenig darüber verraten, wie diese Musik tatsächlich klingt. Wer 2016 das Soloalbum Crystal Dream mit dem Pianisten Romain Nosbaum gehört hat, weiß es: Petrovic betreibt vor allem in ihrer Klaviermusik eine zeitgenössische Kompositionstechnik, die sich anfühlt wie freie Improvisation. Streng in der Form, sinnlich im Klang.
Zehn Jahre später wurde der Rahmen ausgeweitet. Neben Nosbaum sitzt nun der niederländisch-rumänische Pianist Florin Mantale am zweiten Flügel, aufgenommen im Kammermusiksaal der Philharmonie Luxembourg. Und sofort entsteht ein Klangraum, den ein einzelnes Instrument so nie hätte öffnen können. Die beiden ergänzen sich symbiotisch: Wo Nosbaum mit introvertierter Intensität in die Tiefe bohrt, setzt Mantale helle, fast lyrische Akzente dagegen. Keiner begleitet den anderen, keiner spiegelt ihn. Das ist Dialog auf Augenhöhe – getragen von einem gemeinsamen Verständnis dafür, was Klang alles sein kann.
Fünf Stücke umfasst das Album, und jedes öffnet eine andere Tür. In „Sand of Oblivion" ballen sich zwei Töne zu pulsierenden Clustern zusammen, ergänzt durch Klangschalen, Tamburine und perkussive Gesten auf dem Klavierkorpus – das Instrument klingt dunkler und wilder, als man es ihm zutrauen würde. „The Invisible Window", ursprünglich für Klavier und Harfe geschrieben, führt buchstäblich ins Innere der Flügel: Glissandi auf den Saiten, Schläge mit der flachen Hand, Obertonlandschaften, durch die man regelrecht hindurchwandert.
Und dann der Titel, der alles zusammenhält: Escapes. Flucht durchzieht Petrovics Schaffen wie ein roter Faden – nicht als panisches Davonlaufen, sondern als bewusster Aufbruch in eine Welt aus Fantasie und Poesie. Die titelgebenden Miniaturen machen das wunderbar hörbar: expressiv aufgeladene Skizzen, die sich von einer spielenden Hand schrittweise auf vier steigern, bis beide Pianisten gleichzeitig Tasten und Perkussion bedienen. Im letzten Stück wird es melodischer, wärmer, fast zärtlich – als käme die Flucht endlich zur Ruhe.
Genau das tut sie. Die „Exotic Dances" beschließen das Album mit einer Heiterkeit, die nach all der hochkonzentrierten Intensität wie ein Aufatmen wirkt. Als wollte Petrovic sagen: Auch wer tief eintaucht, darf irgendwann wieder auftauchen.
Albena Petrovic: ESCAPES – Music for Piano Duo. Romain Nosbaum & Florin Mantale (Klavier). Solo Musica, 2026.
ALBUM Release in September 2025
New Album Release, Label: ARS Produktion
I'm excited to present "For Piano...or Not?" — a collection of piano transcriptions that reimagine familiar works through the expressive voice of the piano. Whether originally written for orchestra, or another instrument, each piece has been carefully adapted to capture its essence on the keys.

Album Reviews
Romain Nosbaums CD-Einspielungen sind immer ein ganz besonderer Genuss, gerade weil der luxemburgische Pianist es immer wieder wagt, durch klug durchdachte und außergewöhnliche Programme neue Wege einzuschlagen. Sein rezentes Album „For Piano ... Or Not?", erschienen bei Ars-Produktion, beschäftigt sich mit Transkriptionen für Klavier quer durch die Jahrhunderte. Die CD beginnt mit der Liszt-Transkription von Bachs Präludium und Fuge a-Moll BWV 543 und zeigt Nosbaum als einen ebenso versierten wie gefühlvollen Interpreten. Besonders interessant: Allessandro Marcellos dreisätziges Oboenkonzert in der Bearbeitung von J.S. Bach.
Das Herz der CD aber dürfte Claude Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune (Transkription Leonard Borwick) sein, dies, weil Nosbaum hier seinen Rang als Debussy-Interpret unterstreicht und sich als Meister der Farbgebung und eines raffiniert-transparenten Spiels erweist. Auch das Intermezzo aus Tschaikowskys Schwanensee (Transkription von Karen Kornienko), die 2 Etuden nach Liedern von George Gershwin in der Bearbeitung von Earl Wild sowie Kyoko Yamamotos Bearbeitung von Astor Piazollas Histoire du Tango werden unter Romain Nosbaums Fingern zu wahren Kostbarkeiten, sodass man diese interessante CD nicht nur wegen ihres außergewöhnlichen Programms, sondern gerade auch wegen des in jeder Hinsicht nuancenreichen und klangschönen Spiels von Romain Nosbaum nur wärmstens empfehlen kann. Tageblatt, September 2025
Nosbaums Programm reicht vom Barock bis zur Moderne und spiegelt damit unterschiedliche Gesichtspunkte des Themas. Johann Sebastian Bach hat sich bei seinen „Sechzehn Konzerten nach verschiedenen Meistern“ BWV 972 bis 987 vor allem für italienische Vorbilder interessiert, so auch für das d-moll-Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Zwar geht in der Klavierfassung das Wechselspiel von Solo und Tutti verloren, doch dafür entschädigen die Verzierungen, die der Thomaskantor eingefügt hat. Romain Nosbaum spielt die Bearbeitung zuverlässig, mit klarem Anschlag. Anders die Transkription von Präludium und Fuge Bachs für Orgel BWV 543 in der Fassung Franz Liszts. Hier wagt der Pianist agogische Freiheiten im romantischen Stil und sorgt bei den Steigerungen gegen Ende der Fuge für die unvermeidlichen donnernden Bassoktaven.
Von Tschaikowsky zu Gershwin
Das Intermezzo aus Tschaikowskys Schwanensee-Ballett in Karen Kornienkos Adaption ist nur ein kurzes Streiflicht. Und Debussys „Prélude á l’après-midi d’un faune“ im Arrangement von Leonard Borwick ist lediglich ein schwacher Abglanz der originalen Orchesterfassung, deren delikater Farbenreichtum sich nicht aufs Klavier übertragen lässt. Unmittelbar dem Klavier zugedacht sind dagegen die sieben Etüden des amerikanischen Pianisten Earl Wild nach Songs von George Gershwin. Zwei dieser Virtuosenstücke gestaltet Nosbaum effektvoll. Bei „Embraceable You“ hätte er allerdings die Melodie noch deutlicher akzentuieren können, während ihm dies bei „The Man I Love“ vorzüglich gelungen ist.
Tango-Leidenschaft
Den Höhe- und Schlusspunkt bietet die „Histoire du Tango“ von Astor Piazzolla, deren vier Nummern, die gleichsam ein ganzes Jahrhundert argentinischer Musik nachzeichnen, in der gelungenen Bearbeitung durch die japanische Pianistin Kyoko Yamamoto mit tänzerischem Schwung und echtem Einfühlungsvermögen daherkommen.
Das Booklet enthält in deutscher und englischer Sprache kluge Hinweise zu den einzelnen Nummern der CD und Informationen zum weitläufigen Wirken des Pianisten.
Klaus Trapp
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 9
Klassik Heute, Oktober 2025